Dr. med. Willibald Wittmann & Dr. med. Mark Henne – Fachärzte für Orthopädie, Unfallchirurgie, Sportmedizin

Gicht

Was ist Gicht?
Gicht ist eine Störung des Harnstoffwechsels, die dazu führt, dass zu viel Harnsäure im Körper zurückbleibt. Dies zeigt die Untersuchung des Blutes. Die Harnsäuremenge im Blut wird als Harnsäurespiegel bezeichnet. Er liegt beim gesunden Erwachsenen zwischen 3,0 und 6,0 mg pro 100 ml. Blut. Liegen die Werte höher, spricht der Arzt von Hyperurikämie. Wird nichts unternommen, um die erhöhten Werte zu senken, kommt es in vielen Fällen zu Gicht, die sich zunächst in Form eines ersten, akuten Gichtanfalls zeigt.

Wird dieser nicht oder nicht ausreichend behandelt, entwickelt sich der Zustand einer chronischen Gicht, in deren Verlauf sich Harnsäurekristalle in den Gelenken, an Sehnen und Schleimbeuteln und in den Nieren einlagern.
Das Ergebnis sind große Schmerzen, Deformierungen und Entzündungen.

Wie entsteht Gicht?
Die Gicht entsteht durch einen erhöhten Harnsäurespiegel.

Harnsäuren werden sowohl mit der Nahrung aufgenommen als auch im Körper produziert. Fällt im Körper zuviel Harnsäure an oder wird z.B. wegen anderer Erkrankungen zu wenig Harnsäure ausge- schieden, steigt der Harnsäurewert im Blut.

Die obere Grenze für die Löslichkeit der Harnsäure liegt bei 6,0 mg/dl Blut. Liegen die Werte höher, kristallisiert die Harnsäure, es entstehen so genannte Uratkristalle, die sich in den Gelenken und im Gewebe ablagern. Diese Ablagerung – Gichttophi genannt – werden als Fremdkörper von den weißen Blutkörperchen attackiert, dabei kommt es zur Freisetzung von Entzündungsstoffen, die letztlich für die enormen Schmerzen im Verlauf eines akuten Gichtanfalls verantwortlich sind. Zu den bekanntesten Gichttophi zählen Harnsteine in den Nieren.

Grundsätzlich wird zwischen zwei Arten der Gichtkrankheit unterschieden:

Die primäre und die sekundäre Form.

Bei der primären Form ist die Harnsäureausscheidung über die Nieren aufgrund einer genetischen Veranlagung gestört. In sehr seltenen Fällen kann auch eine Überproduktion von Harnsäure die Ursache sein. Die Ausscheidungskapazität reicht aber noch aus, um einen Harnsäurerückstau zu verhindern, solange die Zufuhr purinhaltiger Nahrungsmittel begrenzt ist. Bei Personen, die sich purinreich ernähren, z.B. durch einen hohen Fleischkonsum, übersteigt die Harnsäureproduktion die Ausscheidungskapazität und es kommt über Jahre zu einem Rückstau der Harnsäure im Organismus.

Bei der sekundären Form verursachen verschiedene Begleiterkrankungen den erhöhten Harnsäurespiegel. Auslösende Krankheiten können z.B. Nierenerkrankungen, Tumorerkrankungen, Blutarmut (Anämie) oder eine entgleiste Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) sein. Aber auch verschiedene Medikamente (z.B. harntreibende Medikamente), Alkohol (insbesondere Bier) oder plötzliches Fasten können einen Gichtanfall auslösen.

Wie äußert sich Gicht?
Kaum eine andere Gelenkkrankheit ist so schmerzhaft wie die Gicht.

Ein Gichtanfall tritt meist völlig überraschend während der Nacht auf. In 60 Prozent der Fälle ist es das Grundgelenk der großen Zehe, das rötlich-violett anschwillt, heiß wird und stark zu schmerzen beginnt.
Schon der Druck der Bettdecke oder das Zuschlagen einer Zimmertür kann zu einer unerträglichen Tortur werden.

Am Morgen lassen die Beschwerden häufig nach, können aber in den nächsten drei bis fünf Tagen wieder anfallsartig zurückkehren. Fuß- und Beingelenke sind zehnmal häufiger von Gicht betroffen als jene der oberen Körperteile. Begleitend treten Symtpome wie allgemeines Krankheitsgefühl, Fieber, erhöhter Puls, Kopfschmerzen und Erbrechen auf. Schnell und konsequent behandelt hat ein einzelner Gichtanfall meist keine bleibenden Folgen.

Nicht, falsch oder ungenügend behandelt, bildet er jedoch die Basis für ein oft lebenslängliches Problem. Es kann Jahre dauern, bis ein erneuter Gichtanfall auftritt.

Doch dann werden die Abstände immer kürzer, der Zustand Gicht etabliert sich als chronische Erkrankung, in deren Verlauf es zur Zerstörung des Gelenkknorpels, der Knochen und der Sehnen kommen kann.

Nicht wieder gut zu machende Gelenkschäden mit Deformierungen, Bewegungseinschränkungen, großen Schmerzen und stark geminderter Lebensqualität sind die Folge.
Gelenke, die von Gicht häufig betroffen sein können:

- Großzehengrundgelenk: 60 %
- Sprunggelenk: 14 %
- Knie: 6 %
- Fußweichteile und übrige Zehen: 2 %

Lagern sich die Kristalle auch in den Nieren ab, können sich Nierensteine bilden. Selten kann es dadurch auch zu einem lebensgefährlichen Nierenversagen kommen. Harnsäureeinlagerungen im Darm können zu heftigen Koliken führen.

Wie wird die Diagnose Gicht gestellt?
Die Diagnose des akuten Gichtanfalls ergibt sich aus dem charakteristischen Bild der Beschwerden, das unverwechselbar ist. Einen akuten Gichtanfall diagnostiziert der Arzt bereits durch die Erhebung der Krankengeschichte und die körperliche Untersuchung. Gelegentlich ist noch eine Röntgenaufnahme zum Ausschluß anderer Ursachen erforderlich.

Im akuten Gichtanfall zeigt die Blutuntersuchung häufig keinen erhöhten Harnsäurespiegel, sondern nur eine Erhöhung der Entzündungswerte. Mittels Röntgenbild können die Langzeitschäden betroffen- er Gelenke dargestellt werden.

Wie wird Gicht behandelt?
So schmerzhaft Gicht auch sein mag, in der Regel ist sie leicht behandelbar. Schwerpunkt liegt in der raschen Beendigung der Entzündungsvorgänge. Danach müssen die Harnsäurewerte wieder ins Lot gebracht werden. Meist reicht eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten. In der Regel sind die Chronifizierung und durch Gicht hervorgerufene Komplikationen vermeidbar. Voraussetzung ist, dass die ärztlich verordnetten Maßnahmen exakt eingehalten werden.
Erhöhte Harnsäurewerte allein bereiten keine Beschwerden. Vielen Patienten fällt es deshalb im be- schwerdefreien Zustand schwer, Ernährungsempfehlungen täglich umzusetzen, Medikamente regel- mäßig einzunehmen und die Harnsäurewerte in den empfohlenen Abständen kontrollieren zu lassen. Doch genau hierin liegt der Schlüssel für ein beschwerdefreies Leben mit Gicht.
Die Therapie ist untergliedert in die Behandlung des akuten Gichtanfalls und der Dauertherapie:

- Initiale Therapie
Ziel der Therapie des akuten Gichtanfalls ist es, mit Medikamenten möglichst schnell die Schmerzen zu reduzieren. In der Regel ver- schreibt der behandelnde Arzt die einzige Substanz, die in der Lage ist, den akuten Gichtanfall zu unterbrechen:

Das “Gift” der Herbstzeitlosen (Colchicin) hindert die weißen Blutkör- perchen daran, Harnsäurekristalle aufzunehmen und zu transportieren.
Colchicin wird in stündlichen Abständen zu je 0,5 mg solange verabreicht, bis die Schmerzen abklingen bzw. Nebenwirkungen, wie Übelkeit oder Durchfall auftreten.

Die maximale Dosis am ersten Behandlungstag darf 8 mg nicht über- schreiten. Durch Colchicin werden die starken Schmerzen in der Regel innerhalb weniger Stunden erheblich reduziert und letztlich beseitigt.
Die Unterbrechung des akuten Gichtanfalles durch Colchicin legt den Grundstein für die erfolgreiche Langzeittherapie.

- Dauertherapie
Die Dauertherapie beginnt unmittelbar im Anschluss an die erfolg- reiche Behandlung des akuten Gichtanfalls und hat das Ziel, weitere Anfälle und eine Chronifizierung zu verhindern. Die Grundlage hierfür legt die dauerhafte Normalisierung des Harnsäurespiegels.
In den ersten drei bis vier Monaten unterstützt Colchicin in niedrig- eren Dosierungen bei der Prävention neuer Gichtanfälle. Gleich- zeitig startet die Langzeittherapie mit spezifischer Umstellung auf purinarme Kost, der Aufnahme von mindestens 2 Litern Flüssig- keitsaufnahme pro Tag, dem Verzicht auf Alkohol und dem Abbau von Übergewicht.

Diese Basis der Langzeittherapie kann je nach Krankheitsursache und Auswirkung der Basistherapie auf den Harnsäurespiegel zu- sätzlich entweder die Harnsäureausscheidung steigern oder die Harnsäurebildung reduzieren.
Die regelmäßige ärztliche Kontrolle des Harnsäurespiegels lässt früh erkennen, ob die angesetzte Therapie den gewünschten Erfolg zeigt oder variiert werden muss. Diese Kontrollen helfen auch, evtl. erhöhte Harnsäurespiegel so früh zu erkennen, dass Komplika- tionen rechtzeitig entgegen gewirkt werden kann.

Wann sollten Medikamente eingenommen werden?
Werden akute Gichtanfälle nicht behandelt, manifestiert sich die Krankheit als chronische Gicht mit häufigeren Anfällen und immer mehr Ablagerungen in Gewebe und Gelenken. Die rasche und kon- sequente Behandlung des akuten Gichtanfalles setzt deshalb die Zeichen für eine möglichst be- schwerdefreie Zukunft. Der akute Anfall bedarf einer spezifischen Behandlung. In der Regel wird die einzige Subtanz eingesetzt, die in der Lage ist, den akuten Gichtanfall zu unterbrechen: Das „Gift „ der Herbstzeitosen (Colchicin) hindert die weißen Blutkörperchen daran, Harnsäurekristalle aufzunehmen und zu transportieren.
Durch anfänglich relativ hohe Dosen von Colchicin werden die heftigen Schmerzen im Verlauf des akuten Gichtanfalles innerhalb Stunden deutlich gemindert und verschwinden innerhalb von ein bis zwei Tagen meist völlig.

Im Anschluss an diese “hochdosierte” Initialtherapie wird Colchicin je nach Bedarf für 2 bis 3 Monate in niedrigeren Dosen eingesetzt, um die erhöhten Harnsäurewerte in den Bereich zu lenken, in dem eine Kristallisierung nicht möglich ist.
Nach der erfolgreichen Behandlung des akuten Gichtanfalls ist eine medikamentöse Behandlung dann notwendig, wenn die eingeleitete Ernährungsumstellung keine ausreichenden Ergebnisse zeigt.
Um den Harnsäurepool des Körpers zu verringern, stehen zwei Arten von Medikamenten zur Verfügung.

Urikosurika – Die „Harnsäure-Ausscheider“
Dieser Begriff beschreibt Medikamente, welche die Harnsäureausscheidung fördern.
Die wichtigsten Wirkstoffe: Probenecid und Benzbromaron.
Beide hemmen die Rückresorption der Harnsäure in der Niere und vermindern so deren Konzentration im Blut. Die Neubildung von Gichtknoten (Tophi) wird verhindert, es kann sogar zu einem teilweisen Abbau kommen.

Urikostatika – Die “Harnsäure-Blocker”
Hierbei handelt es sich um Medikamente, welche die Harnsäuresynthese hemmen. Das einzige Urikostatikum ist Allopurinol. Es hemmt ein spezifisches Enzym (Xanthinoxidase) des Purin- stoffwechsels, das die Bildung von Harnsäure katalysiert. Dadurch werden bestimmte Stoff- wechselprodukte, die als Vorstufe bei der Bildung der Harnsäure beteiligt sind (Hypoxanthin, Xanthin), vermehrt mit dem Urin ausgeschieden. Dies führt letztlich zu einer Senkung des Harnsäurebestandes.

Kombinationspräparate
Es stehen auch Kombinationspräparate mit Benzbromaron und Allopurinol zur Verfügung, die zur Behandlung spezifischer Patienten geeignet sind. Sie haben aber den Nachteil, dass Benzbromaron die Ausscheidung von Allopurinol (bzw. Oxipurinol) beschleunigt und damit die Wirksamkeit von Allopurinol beeinträchtigt wird.

Prognose
Die Neigung zu einem erhöhten Harnsäurespiegel kann nicht ursächlich behandelt werden. Doch wird rechtzeitig erfolgreich behandelt und werden die ärztlichen Verordnungen und Ratschläge dauerhaft beachtet, ist die Gefahr der Chronifizierung oder neuer, akuter Gichtanfälle sehr deutlich gemindert.